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Aktuelle Einträge
22. Juli 2010

Jenseits der Afghanistan-Konferenz: Hoffnungsschimmer und Ernüchterung

Liebe Leserinnen und Leser,

Wolfgang Jamann zu Besuch in Afghanistannach einigen vergeblichen Anläufen war ich endlich wieder einmal in Afghanistan, um mir persönlich ein Bild von den Fortschritten unserer Projektarbeit vor Ort zu machen. Meine Reise fiel  ausgerechnet in den heißesten Monat des Jahres - nur wenige Tage vor Guido Westerwelles Besuch der Kabul-Konferenz, bei der die Außenminister der NATO-Staaten über die Zukunft des Landes berieten.

Die Konferenz sollte viel Symbolkraft haben, aber sie brachte wenige Ergebnisse. Zwar fand erstmals ein internationales Treffen auf afghanischem Boden statt, man musste jedoch die Stadt sperren. Die afghanische Zivilgesellschaft wurde nicht einbezogen und für wirkliche Sicherheit konnte die Regierung auch nicht sorgen.  Am Tag nach meiner Abreise sprengte sich erneut ein Selbstmordattentäter in die Luft. Auch die Raketenangriffe der Taliban auf den Konferenzort sprachen nicht dafür, dass das so sehr gewünschte Friedensabkommen in greifbarer Nähe ist.

Welthungerhilfe-Generalsekretär Wolfgang Jamann besichtigt ein Bohrgerät in Shibergan, Afghanistan

Wie anders war die Lage in Shibergan, der Provinzhauptstadt von Jawzjan im Nordwesten des Landes. Hier unterstützt die Welthungerhilfe die Bevölkerung bei der Entwicklung kommunaler Entscheidungsstrukturen, baut mit ihnen eine funktionierende Wasserversorgung auf und berät sie in landwirtschaftlichen Produktionsmethoden.

In allen Dörfern haben die Menschen mit Hilfe der Welthungerhilfe festgelegt, welche Maßnahmen als erstes umgesetzt werden sollen. Je nach Priorität werden Brunnen gebohrt, Schulen instandgesetzt oder Latrinen ausgehoben. Ein spektakulärer Anblick war das Bohrgerät - eines von vieren, die die Welthungerhilfe für Tiefbohrungen einsetzt. Trotz drückender Hitze war zu spüren – man wollte keine Zeit verlieren. Denn Wasser ist kostbar, ermöglicht gesundes Leben und satte Ernten. Und jenseits der Kämpfe in Kunduz, Helmand und Kandahar scheint es in Shibergan Schritt für Schritt voran zu gehen. Hier spürt man, was möglich ist, wenn Afghanen selbst ihre Zukunft in die Hände nehmen.

Wolfgang Jamann begutachtet einen von der Welthungerhilfe neu gebauten BrunnenDoch auch in Shibergan machen wir uns Gedanken über die Sicherheit unserer Mitarbeiter und Partner.  Unsere Erfahrung hat gezeigt: Der beste Schutz ist immer noch die Akzeptanz der Bevölkerung. Die Menschen warnen uns, wenn es gefährlich wird. Leider kann man sich darauf nicht mehr absolut verlassen. So bewegen wir uns mit zivilen Fahrzeugen, ohne Logo-Aufkleber der Organisation und mit möglichst wenig Aufhebens durch die Dörfer. Es macht Mut zu hören, dass die Zahl der Überfälle auf Hilfsorganisationen im letzten halben Jahr um ein Drittel gesunken ist und dass entführte Entwicklungshelfer  gesund und unverletzt wieder freigelassen wurden. Offensichtlich sind unsere Unparteilichkeit und unsere humanitäre Mission zumindest ein kleiner Schutz!

Wolfgang Jamann im Gespräch mit Flüchtlingen in Kabul.

Nach den ermutigen Eindrücken in Shibergan war unser Besuch eines Flüchtlingslagers in Kabul regelrecht schockierend. Hier leben 900 Familien unter unwürdigen Bedingungen. Es gibt nur eine Wasserpumpe, keine Kanalisation, keine Gesundheitsversorgung und nur sporadisch Schulunterricht für die Kinder. Es ist schwer vorstellbar, wie sich die Flüchtlinge aus Helmand ihr tägliches Essen organisieren. Im Moment ist das Wetter gut, doch wie ergeht es den Bewohnern, wenn es regnet oder schneit und sich Dutzende von Familienmitgliedern in kleinen löchrigen Lehmhütten drängen? Eine solche Situation ist auch im zweitärmsten Land der Welt nicht zu akzeptieren.

Die Welthungerhilfe wird hier schnell helfen und Wasserpumpen reparieren, Dächer bereitstellen, Nahrungsmittel herbeischaffen und Hygienetrainings anbieten. Zugleich müssen wir dafür sorgen, dass die Flüchtlinge auch von der Kabuler Regierung unterstützt werden. Wie wichtig wäre auch eine psychologische Unterstützung. Alte Männer berichten uns, wie sie von den Taliban gefoltert wurden, weil man ihnen unterstellte für die Regierung zu arbeiten. Dafür kann es schon reichen, dass der Bart nicht lang genug ist oder eine Frau die falsche Kleidung trägt.

Wolfgang Jamann zu Besuch bei der Welthungerhilfe-Partneroragnisation Aschiana Zumindest den Kindern wird bereits von unserer Partnerorganisation Aschiana geholfen. Sie unterhält in Kabul vier tolle Zentren, in denen Straßenkinder, behinderte und benachteiligte Kinder und Jugendliche unterstützt werden. Auch Aschiana ist ein Stück Zukunft Afghanistans, und so war es eine wichtige symbolische Geste, dass die Kinder 100 gemalte Bilder auf der Kabul-Konferenz aufhängen durften. Bilder von Hoffnung, Mut und einer besseren Zukunft. Ob Präsident Karzai, Hillary Clinton und Guido Westerwelle die Bilder gesehen haben?

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Wolfgang Jamann [mehr]

12. Juli 2010

Sechs Monate nach dem Beben in Haiti: Versprechen gibt man, um sie einzuhalten!

Zerstörtes Haus: Im Januar 2010 verwüstete ein schweres Erdbeben Haiti. © HerzauIch erinnere mich noch gut an den frühen Morgen nach dem Erdbeben in Haiti. Das Notfallhandy klingelte, die Kollegin aus Bonn gab mir Zahlen und Fakten durch. “Komm’ am besten sofort ins Büro und bring Deinen Pass gleich mit”, sagte sie noch.
Die wenigen ersten Nachrichten von der Insel genügten, um zu wissen, dass hier eine der schlimmsten Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte stattgefunden hatte. Zusammen mit meinen Kollegen aus dem Nothilfeteam verließen wir noch am selben Abend ein kaltes, verschneites Deutschland und erreichten am übernächsten Tag Haitis Hauptstadt Port-au-Prince: heiß, stickig - und völlig zerstört!

Wir blieben ein paar Wochen, um die ersten Nothilfemaßnahmen auf den Weg zu bringen: Verteilung von Trinkwasser und Nahrungsmittel und dann Planen und Kochgeschirr. Die Nothelfer der ersten Stunde haben die Insel inzwischen wieder verlassen. Ob wir wiederkommen und dann länger bleiben würden, haben uns viele Menschen gefragt. “Das werden wir!”, haben wir fest zugesagt. Die Welthungerhilfe hat von Anfang an bekräftigt, dass das Engagement nach dem Erdbeben mindestens fünf Jahre dauern wird. So wie wir das Land schon vorher in den Jahren der politischen Unruhen unterstützt haben, so werden wir es auch jetzt  nicht allein lassen. Und wir haben unser Wort gehalten!

Pressesprecherin Simone Pott im   Büro der Welthungerhilfe in Port-au-Prince, Haiti. © GrossmannIn den letzten Wochen sind neue Kollegen als Fachkräfte nach Haiti ausgereist. Ihr Job ist es nun, die langfristigen Aufbaumaßnahmen umzusetzen, die den Menschen eine neue Chance auf Einkommen und Ernährung geben. Mit “Cash for work”-Maßnahmen, also Arbeiten gegen einen Stundenlohn, erhalten Tausende ein tägliches Einkommen. Sie helfen mit, den Schutt aus den Städten abzutragen.

Doch auch der Norden und Osten des Landes brauchten Hilfe bei der Bewältigung der Folgen des Erdbebens. 500.000 Menschen waren nach der Katastrophe aus der Stadt geflüchtet. Die Nahrungsmittel reichten nicht mehr aus, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Deshalb wird in den Dörfern Saatgut verteilt. Die Bewässerungskanäle für die Landwirtschaft werden ausgebessert und andere Infrastrukturprojekte umgesetzt.

Cash for Work in Haiti: Trümmerbeseitigung und  Wiederaufbau gegen LohnLeider haben aber nicht alle ihre Versprechen bis jetzt erfüllt. Die internationale Staatengemeinschaft hatte auf der großen Geberkonferenz im März knapp zehn Milliarden Dollar bereitgestellt. Eine große Summe für ein kleines Land. Bisher ist allerdings nur ein Bruchteil der Gelder wirklich gezahlt worden. Die Menschen in Haiti sind nun doppelt gestraft. Weil ihre Regierung als unzuverlässig und korrupt gilt, zögern viele Geldgeber. Und die Regierung selbst erweist sich in der Stunde der Not als entscheidungs- und handlungsunfähig. Noch immer sind keine Plätze für Notunterkünfte am Rande von Port-au-Prince ausgewiesen worden. Wegen der unklaren Besitzverhältnisse wissen tausende Menschen nicht, wo sie ihre Übergangshütten errichten sollen. So können auch die Hilfsorganisationen nicht so schnell den Aufbau unterstützen, wie es notwendig wäre.

Es wird Jahre dauern, bis die Schäden des Erdbebens beseitigt sind. Es wird auch noch lange dauern, bis die Menschen wieder ein sicheres Dach über dem Kopf und ein kleines Einkommen haben. Aber wir haben den Menschen in der Not ein Versprechen gegeben. Und wir werden es auch weiterhin einhalten und sie mit dieser Katastrophe nicht allein lassen!

Wie sehen Sie das? Schreiben Sie uns Ihre Meinung.

Herzliche Grüße
Ihre Simone Pott [mehr]

21. Juni 2010

Dürre im Niger: Temperaturen von 50 Grad im Schatten forderten viele Leben

Die Dürre im Niger, der Grund, warum ich schon seit fast zwei Wochen als Länderreferentin der Welthungerhilfe in dem afrikanischen Land bin und die Notsituation vor Ort untersuche. Unser Büro steht in Niamey, der Hauptstadt des Nigers. Die Stadt wirkt wie ein großes Dorf. Wenig Autos im Vergleich zu den Nachbarhauptstädten Bamako (Mali) und Ouagadougou (Burkina Faso). Alles ist sehr ruhig. Tiere spazieren auf dem Asphalt, Rinder, Dromedare. Die Präsenz des Militärs ist nicht zu übersehen, besonders an wichtigen Straßenkreuzungen.

Der 86-Jährige Dorfälteste Amirou Kokorou hat im letzten Jahr 760 Rinder verloren. Seine Wut über die Dürresituation im Niger lässt er freien Lauf. Der Niger… Wo das Land genau liegt, wer weiß das in Europa schon genau? Und nur wenige wissen, dass es hier im Februar einen “friedlichen” Militärputsch gegeben hat. Und dass die Menschen hier verhungern, insbesondere die Kleinkinder, die Schwangeren und ältere Menschen. Vor zwei Monaten hat es hier im Land Temperaturen von über 50 Grad im Schatten gegeben. Viele alte Menschen sind gestorben. Und die jungen Leute haben solch eine Hitze in ihrem Leben noch nicht erlebt! Für mich sind die jetzigen 38 bis 40 Grad schon schlimm genug. Das Ende der Trockenzeit ist erreicht und eigentlich beginnt nun die Regenzeit… Immer noch ist alles sehr karg und staubig.

In den Dörfern ist die Situation sehr schlimm. Ich war in TĂ©ra, nordwestlich von Niamey auf der anderen Seite des Nigerflusses und an der Grenze zum Nachbarland Burkina Faso. Jetzt ist Saatzeit und die Leute haben kein Saatgut, da die Ernte im letzten Jahr so schlecht war und sie nichts lagern konnten. Viele Bewohner haben ihre Dörfer verlassen, um der Not zu entfliehen. Je nördlicher wir fahren, desto karger wird die Landschaft und die Anzahl der toten Tiere am Wegesrand steigt deutlich.

Im Dorf Kokorou finden wir eine Art Tierfriedhof am Dorfeingang. Der 86-Jährige Dorfälteste und Chef einer Gemeinde, die 82 Dörfer umfasst, erzählt uns, dass er letztes Jahr 760 Rinder verloren hat und dass die Situation in diesem Jahr noch schlimmer ist. Wütend ist Amirou Kokorou, so sein Name. Besonders auf die Regierung, die die Nahrungsmittel verteilt. Warum nur an eine Handvoll Leute?, schnauft er. Nur Alte, Kranke, Schwangere und extrem unterernährte Kinder unter fünf Jahren bekommen diese Hilfe. Aber alle leiden, alle haben Probleme. Er ist nicht damit einverstanden und sagt es laut. In seinem Alter, sagt Amirou, könne ihm keiner mehr etwas anhaben.

Plötzlich fragt mich der Vater von 48 Kindern, wie alt ich sei und wie viele Kinder ich habe. Nachdem ich ihm erzähle, dass ich 46 Jahre alt bin und zwei Kinder habe, hat er Mitleid mit mir. Du bist auch schon zu alt um noch weitere zu bekommen, wirft er ein und schaut mich mitfühlend an. So hatte ich meine Situation noch gar nicht betrachtet….

Bis bald wieder aus dem Niger,

Caroline Peyre-Koch [mehr]

Kategorie Niger
18. Juni 2010

Bürgerkrieg in Kirgistan: Warum die Welthungerhilfe sich engagieren muss!

Rauchschwaden über den Regionen in Kirgistan, wo Kampfhandlungen stattfinden.

Gestern traf ich in Bonn zufällig eine alte Bekannte. Und sie erinnerte sich daran, dass ich über acht Jahre lang für die Welthungerhilfe in Zentralasien gearbeitet habe. Sie fragte mich, was denn in Kirgistan los sei? Warum denn dort plötzlich Nachbarn und sogar Freunde aufeinander losgehen? Wie kann es sein, dass Hunderttausende Frauen und Kinder aus ihrer Heimat fliehen? Hat es denn Sinn, dass die Welthungerhilfe hier mit Nahrungsmitteln helfen will, wenn die Katastrophe von den Menschen selbst verzapft wurde? Ich stand den Fragen zunächst ratlos gegenüber. Klar, warum sollen wir jetzt mit der Hilfe unserer Spenderinnen und Spender diese Suppe auslöffeln?

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Kategorie Kirgistan
15. Juni 2010

Dürre im Niger: Wie schlimm ist die Katastrophe wirklich?

Dieses Bild habe ich aus dem Auto gemacht. Die Hitze war unerträglich. Es zeigt die trockene Landschaft nordwestlich von Niamey im Niger. © Peyre-Koch Schon seit Wochen beobachten wir, die Welthungerhilfe, die Situation im Niger. Vor ein paar Tagen bin ich dann in die Krisenregion geflogen, nach Niamey, das liegt im Südwesten des Nigers, um mir die Lage vor Ort anzuschauen und zu analysieren. Denn es mehren sich die Vermutungen, dass im Niger wieder eine dramatische Hungerkatastrophe ausbrechen könnte. So prüfe ich, ob und wie die Welthungerhilfe helfen kann. Die letzte große Hungersnot war 2005. Diese war verheerend, da die internationale Gemeinschaft nicht schnell genug reagiert hat.

Seit über 22 Jahren arbeite ich schon in der Entwicklungszusammenarbeit. Ich war bereits auf vielen Dienstreisen in den unterschiedlichsten Ländern. Dennoch kann man nicht von Routine sprechen. Und so waren die Vorbereitungen zu dieser Reise sehr hektisch und anstrengend. Es muss an so viel gedacht werden, um optimal vorbereitet zu sein: Medikamente, vor allem Malariaprophylaxe, Kleidung für unterwegs in extrem ländlichen Gebieten (es herrschen Temperaturen von mindestens 40 Grad), verschiedene Arbeitsmaterialien wie Laptop, Drucker, Fotoapparat, Satelliten-Telefon, Taschenlampe, Moskitodom etc.

In der letzten Nacht vor dem Abflug habe ich schlecht geschlafen. Was erwartet mich im Niger? Wie schlimm ist die Situation wirklich? Und – haben wir die Kapazitäten, im Notfall helfen zu können? Mitten in der Nacht klingelte dann der Wecker, um 7:45 Uhr saß ich in der Maschine gen Afrika.

Am Flughafen in Niamey schlägt mir die Hitze entgegen. Nach der Ankunft melde ich mich bei unseren Kollegen, die in den Nachbarländern Burkina Faso und Mali für die Welthungerhilfe arbeiten. Wir tauschen die aktuellsten Informationen aus und besprechen das weitere Vorgehen.

Ich sehe verendete Tiere nicht zum ersten Mal. Doch jedes Mal macht es mich furchtbar betroffen. Diese Kadaver habe ich bei Kokorou fotografiert, im Nordwesten von Niamey im Niger. © Peyre-Koch

Viele Termine warten nun auf mich. Zum Beispiel treffe ich mich mit dem Welternährungsprogramm um zu prüfen, ob wir Nahrungsmittel für Verteilungen an die Bedürftigen erhalten können. Den dafür zuständigen Ansprechpartner kenne ich noch aus früheren Zeiten, in denen ich für Projekte in Madagaskar zuständig war. Das erleichtert den Einstieg und die Kommunikation erheblich. Auch stehen Gespräche an mit der lokalen Hilfsorganisation “Afrique Verte”, mit der wir zusammenarbeiten möchten. Zudem müssen Nothilfeanträge, Berichterstattungen etc. geschrieben werden. Erste Fahrten durch die ländlichen Gebiete in der Nähe von Niamey vermitteln mir einen Eindruck von der Dürre: glühend-flimmernde Hitze, staubtrockene Böden und verendete Tierkadaver am Wegesrand.

Ich werde weiter aus dem Niger berichten. Und wenn Sie möchten, stellen Sie mir gerne Fragen oder schreiben Kommentare.

Bis dahin viele Grüße  von

Caroline Peyre-Koch [mehr]

7. Juni 2010

“Es gibt keinen Grund, resigniert mit der Schulter zu zucken.”

Liebe Freundinnen und Freunde der Welthungerhilfe!

Anbau von Gemüse und Obst in Ecuador: Mit Unterstützung der Welthungerhilfe betreut die Partnerorganisation CESA (Central Ecuatoriana de Servicios Agricolas) ein Projekt zur Feldbewässerung.Im vergangenen Jahr hat uns die Nachricht erschüttert, dass die Zahl der Hungernden erstmals eine Milliarde überschreitet. Wir als Welthungerhilfe werden nicht müde, auf diese menschliche Tragödie hinzuweisen. Eine Milliarde – das ist so eine große Zahl, dass sie auch lähmend wirkt und viele Menschen resigniert die Schultern zucken – Welthungerhilfe? Bringt das überhaupt was?

Ich möchte Sie hier dazu einladen, die Dinge auch einmal anders zu sehen. In den späten 1950er Jahren lag die Zahl der Hungernden schon einmal dicht an der Milliardengrenze: Dürren, vor allem in Afrika und Asien, bedrohten Millionen Menschen. Es war die Zeit, in der die erste globale Hungerkampagne gestartet wurde, die “Freedom from Hunger Campaign”, aus der 1962 die Welthungerhilfe hervorging.

Wenn heute eine Milliarde Menschen hungern – ist das nicht eine dramatische Niederlage? Ich denke nein, denn der Anteil der hungernden Menschen an der Weltbevölkerung ist dramatisch gesunken. Mitte der sechziger Jahre lebten 3,3 Milliarden Menschen, jeder dritte hungerte, nur zwei Milliarden hatten genug zu essen. Seitdem hat sich die Weltbevölkerung auf knapp sieben Milliarden verdoppelt. Ja, es ist richtig, jeder siebte hungert – aber sechs Milliarden haben genug zu essen. Die Schlagzeile müsste also lauten: Milliarden Menschen sind satt!

Natürlich können wir uns mit der einen Milliarde nicht abfinden, zumal der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung seit den neunziger Jahren und, verschärft durch die Finanzkrise, wieder steigt. Aber die Botschaft ist wichtig: Erfolge, sogar große Erfolge sind möglich. Was hat funktioniert? Die Produktivität beim Anbau von Grundnahrungsmitteln wurde erhöht, natürliche Ressourcen werden mittlerweile als kostbar wahrgenommen und geschützt, regionale Märkte werden entwickelt, und zwar vor allem dort, wo Nahrung produziert wird – auf dem Land.

Die Welthungerhilfe stellt heute Ihren Jahresbericht 2009 der Öffentlichkeit vor - Beispiele für erfolgreiche Projektarbeit finden Sie hier in Vielzahl. Diese Beispiele machen Mut. Es gibt keinen Grund, resigniert mit der Schulter zu zucken. Und wir sind froh und dankbar, dass uns unsere Spender und öffentlichen Geber so kraftvoll auf diesem Weg unterstützt haben.

Um noch mehr Menschen für das gemeinsame Ziel der weltweiten Armutsbekämpfung in der globalisierten Welt zusammenzubringen, hat die Welthungerhilfe 2009 den neuen Leitgedanken “Träume verbinden” entwickelt. Dadurch will die Welthungerhilfe die Kraft der ganz persönlichen Träume mobilisieren. Unterstützte und Unterstützer werden näher zusammenrücken. Entwicklungszusammenarbeit bekommt eine neue Dimension, in der die Begegnung und das Mitgestalten im Zentrum stehen.

Lassen Sie sich begeistern, von Erfolgen und gemeinsamen Träumen! Wir freuen uns darauf!

Ihr Wolfgang Jamann [mehr]

Kategorie Allgemein
21. April 2010

Haiti hundert Tage danach: Herausforderungen und Hoffnungsschimmer

Liebe Leserinnen und Leser,

Vor Ort sein und die Bedürfnisse der Menschen erfahren: Dr. Wolfgang Jamann in Haiti im März 2010. © Aberle hundert Tage ist es her, dass eine beispiellose Katastrophe den Karibikstaat Haiti erschüttert hat: Über 230.000 Menschen kamen ums Leben, die Zerstörungen sind gewaltig. Eine gigantische Herausforderung für alle Betroffene wie Helfer. Aber es scheint, als sei die ganze Welt entschlossen, die Haitianer beim Neuanfang zu unterstützen – auch Sie gehören dazu!

Und die Haitianer gehen selbst Schritt für Schritt aus dem Elend in die Zukunft. Da ist zum Beispiel Viviane Leclerc, 23 Jahre alt. Die zweifache Mutter hatte beim Erdbeben ihr ganzes Hab und Gut verloren. In Petit-Goâve gehörte sie zu den Frauen, die sich bei der Welthungerhilfe ein Nahrungsmittelpaket abholten – Reis, Bohnen, Öl, Salz. “Wir sind es gar nicht gewohnt, dass Versprechen eingehalten werden”, freute sie sich.

Starke Frauen, die sich von dem Erdbeben nicht unterkriegen lassen: BrimĂ© Francoise und Jean Roselanne. © AberleOder Jean Roselanne und BrimĂ© Francoise. Sie nehmen gegen Bezahlung an einem Arbeitsprogramm der Welthungerhilfe in Jacmel teil. Es ist bitter die Trümmer abzuräumen, die einmal das eigene Heim waren. Aber: “Die Arbeit hilft uns, nicht so viel nachzudenken”, sagt Jean Roselanne. “Es muss doch weitergehen, irgendwie.”

Bei meinem Besuch in Haiti im März sprach ich mit Mona Lapaienne. Sie hatte beim Erdbeben ein Kind verloren, es hieß Vana. Sie war eine der ersten Opfer, die ein großes festes Zelt bekommen hat, das nun auf ihrem frei geräumten Grundstück steht. Deshalb hat sie Verwandte aufgenommen; vierzehn Menschen leben jetzt auf engem Raum, aber sie wissen, die Hilfe aus Deutschland geht weiter und bald können mehr Menschen in festen Zelten oder reparierten Häusern leben.

Nur drei Beispiele von vielen, denen die Welthungerhilfe in der ersten Not Hilfe und eine Perspektive geben konnte. Ich habe mich persönlich vor Ort überzeugt, dass unsere Arbeit einen Unterschied für die Menschen macht. Unterstützen Sie uns weiterhin!

Herzlichst,

Ihr Wolfgang Jamann [mehr]

Kategorie Haiti
15. März 2010

Building Back Better: Haiti kann mehr, die Vergangenheit hat es gezeigt

Wolfgang Jamann besucht die Verteilungsstationen - und packt selber mit an. © Aberle Eine Woche sind wir durch das zerstörte Haiti gereist. Wir haben die Menschen in den Flüchtlingslagern besucht, den Verteilungen beigewohnt, Gespräche mit Ministern geführt. Und am Ende dieser aufwühlenden Reise bleibt uns die bittere Erkenntnis: Haiti muss anders, kann anders werden: Denn bis vor ungefähr vierzig Jahren war Haiti ein attraktiver Spot mit blühendem Tourismus und einer florierenden landwirtschaftlichen Produktion. Ein Leben wie dieses haben die Menschen des Inselstaates nicht verdient.

Wir erkunden diese fruchtbare Insel und können die Fragen nicht verdrängen, warum hier soviel Armut und Hunger herrscht. Warum die Häuser nicht so stabil sind wie in Chile, wo ein weit schlimmeres Beben viel weniger Opfer verursacht hat.

Zerstörte Insel, zerstörtes Haiti. Noch Jahre wird es dauern, bis die Spuren der Katastrophe verwischen werden. © Aberle In den vergangenen Wochen haben die Aufräumarbeiten begonnen. Wer durch die Straßen von Port-au-Prince, Jacmel oder Petit-Goâve fährt, sieht überall Räumtrupps mit Hacken, Schubkarren, Schaufeln, Besen. Die Arbeit schafft ein kleines bisschen Aufbruchstimmung auf dem Weg zurück in die Normalität. Und sie bringt den Menschen ein Einkommen durch sog. Cash-for-Work-Programme: Schutt wird geräumt gegen Bezahlung, damit die Menschen ein erstes Einkommen nach der Katastrophe haben.

Cash-for-Work, eine sinnvolle Schaffung von Einkommen: Die Helfer räumen den Schutt von den Straßen, dafür erhalten sie einen Lohn. © AberleDoch all das reicht uns nicht. Wir setzen uns jetzt schon damit auseinander, wie wir aus dem Desaster eine Chance machen können: Ein Wiederaufbau des Landes ist das falsche Ziel - wer will schon in den Verhältnissen leben die vor dem zerstörerischen Beben herrschten? Vielmehr braucht es einen Neuanfang mit dem Ziel, dieses Land aus dem so unnötigen Elend herauszubringen, die Landschaften wieder blühen zu lassen, den Menschen Perspektiven zu schaffen. ‘Building Back Better’ - hier sollte der Anspruch internationaler Katastrophenhilfe, der so oft formuliert wird, endlich eingehalten werden.


Die Herausforderungen sind riesengroß. Haiti war schon vor dem Erdbeben ein schwacher Staat. Jetzt fehlen an den Schaltstellen die Personen, die für den Neuanfang dringend benötigt würden. Zahlreiche gut ausgebildete Männer und Frauen, die wichtige Positionen inne hatten, kamen ums Leben. Hunderttausende junge Menschen sind vor den Folgen des Desasters geflüchtet. Port-au-Prince ist zerstört, die Wälder sind abgeholzt, das Land ist hoch verschuldet, es gibt wenig Infrastruktur für Wasser, Strom, Kommunikation, Mobilität. Und auch die internationale Gebergemeinschaft in Haiti hat es hart getroffen. Sowohl bei den Vereinten Nationen als auch bei der Europäischen Gemeinschaft kamen ranghohe Vertreter ums Leben. Sie verloren Familienangehörige oder leiden noch heute an den Folgen dieses traumatischen Erlebnisses. Nicht zuletzt wurden viele wichtige Dokumente, Akten und Daten zerstört.

Wolfgang Jamann im Gespräch mit einem Soldaten, der die Verteilungen überwacht, um gewalttätige Auseinandersetzungen zu verhinder. © Aberle In diesen Tagen reichen sich Staatschefs bei der haitianischen Regierung die Klinke in die Hand: der kanadische Premierminister Stephan Harper, der französische Präsident Nicolas Sarkozy oder die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton. Auf der internationalen Konferenz für Wiederaufbau am 31. März in New York werden sicher hohe Finanzzusagen gemacht. Hier und da war von einem “Marshall-Plan” für Haiti die Rede. Aber ist das wirklich realistisch? Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg war im Zentrum der politischen Interessen der Supermächte. Und auch wenn die Industrie in großen Teilen zerstört war, so konnte man an die Wirtschaftsmacht, die Deutschland vor dem Krieg war, wieder anknüpfen.

Und Haiti? Nach wechselnden Diktaturen, Jahren der Instabilität und der internen Querelen gab es vor dem Erdbeben Zeichen des Aufbruchs und der Stabilisierung: eine neue Regierung, eine verstärkte UN-Präsenz, aufgefrischte ökonomischer Aktivität in der Hauptstadt. Daran muss die internationale Gemeinschaft anknüpfen. Mit Mitteln für eine langfristige, nachhaltige Entwicklung, welche jetzt zum Beispiel schon in Cash-for-Work-Programmen unmittelbar den Armen zugute kommen. Und welche die Potenziale des ländlichen Raumes fördern sollten, damit nicht noch mehr Menschen in den Moloch Port-au-Prince ziehen müssen, weil sie auf dem Lande noch kein Einkommen erzielen können.

Also heißt es, nicht schnell viel Geld ausgeben, sondern auf gut geplante, langfristig angelegte Programme zu setzen. Es ist nicht unmöglich. Vor mehreren Jahrzehnten lebten die Menschen in Haiti ein anderes Leben, ein besseres. Viele Touristen strömten in das Land und sorgten für mehr Wohlstand. Die Erträge der Landwirtschaft waren üppig. All das sollte sich die internationale Gemeinschaft immer vor Augen halten. Denn die Menschen in Haiti haben genug gelitten.

Schreiben Sie mir, wenn Sie mögen.

Viele Grüße,

Wolfgang Jamann [mehr]

5. März 2010

Kambodscha: Typhoon Ketsana brachte Unglück über das Milleniumsdorf Kanat Toch

In Kanat Toch zeigen uns die Bewohner, wie hoch das Wasser nach dem Typhoon Ketsana in ihren Häusern stand.  © GrossmannDie Menschen von Kanat Toch erzählen mir, wie in der Nacht vom 29. auf den 30. September das Unglück über das Dorf kam. In dieser Nacht zog der Typhoon Ketsana über Asien. Viele Bemühungen der letzten Jahre gingen im Wind und Starkregen unter. Zum Glück kam im Millenniumsdorf kein Mensch ums Leben, weil es eine rechtzeitige Warnung gab und alle Menschen fliehen konnten. Doch das Wasser stand mehrere Meter hoch und reichte trotz der Stelzenbauweise bis in die Häuser. Als ich in einem der Häuser zu Gast bin, werden mir die Wasserränder an der Wand gezeigt. Bis etwa auf halber Raumhöhe war das Wasser gestanden. Wenn man bedenkt, dass dieses Stelzenhaus auf rund drei Meter hohen Stelzen steht, kann man sich ausmalen, wie das Dorf ausgesehen haben muss.

Den vollständigen Bericht finden Sie bei www.wunderweib.de:

http://blog.wunderweib.de/welthungerhilfe/entry/f%C3%BCnfter_tag_der_typhoon_ketsana [mehr]

Kategorie Kambodscha
4. März 2010

Kambodscha: Besuch der Katchok in unserem Millenniumsdorf

Bärbel Dieckmann lässt sich anhand einer Karte die Gegebenheiten des Projektgebiets erklären. © GrossmannTräge fließt das schlammig braune Wasser des Sesan dahin. Das Millenniumsdorf Kanat Toch liegt direkt am steilen Ufer des Flusses, der von Vietnam kommend in den Mekong mündet. Als ich ankomme sind alle Augen auf uns Ankömmlinge gerichtet. In Kanat Toch sind Fremde selten. Hier in dem abgelegenen Dorf leben die Katchok, eine ethische Minderheit, die stark diskriminiert werden. Die Khmer, die mit 90 Prozent der Bevölkerung die Mehrheit in Kambodscha stellen, blicken auf Völker wie die Kachok herab. Und gerade weil diese Menschen besonders diskriminiert werden, hat sich die Welthungerhilfe entschieden hier zu arbeiten.

Den vollständigen Bericht finden Sie bei www.wunderweib.de:

http://blog.wunderweib.de/welthungerhilfe/entry/vierter_tag_das_millienniumsdorf_kanat [mehr]

Kategorie Kambodscha
 

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