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6. September 2010

Endlich auch Hilfe für den Süden

Die Menschen warten hier dringend auf mehr Hilfe. (c) GrossmannEs ist schon eine kleine Weile her, dass ich mich gemeldet habe. Ich hatte nicht viel Zeit zum Schreiben. Jetzt bin ich seit zwei Tagen im Distrikt Muzaffargarh in der Provinz Punjab. Im Norden des Landes sind die Wassermassen, wie ich bereits berichtet habe, schon weitgehend abgeflossen. Aber hier im Süden breitet sich die Katastrophe in vollem Maße aus. Wir sind in der Nähe der Kreisstadt Multan. Die Situation ist hier besonders schlimm – man sieht nur Wasser, so weit das Auge reicht. Es ist wirklich erschreckend: Allein in Muzaffargarh sind 900 Dörfer zerstört, 1,6 Millionen Menschen sind von den Auswirkungen der Flut betroffen. Und bislang ist hier noch fast gar nichts passiert: Zu wenig Hilfsorganisationen kamen bislang hierher, die Hilfe der Vereinten Nationen und der Regierung greift noch längst nicht.

Das Ausmaß der Flut ist auch hier im Süden noch nicht abschätzbar. (c) Grossmann

Wir sehen zwar, dass die Armee täglich Nahrungsmittel an die notleidende Bevölkerung verteilt. Aber wie lange werden sie das noch tun? Und wer bekommt etwas? Wie wird es weitergehen? Viele Fragen sind ungeklärt. Auch bei unserem heutigen Koordinierungstreffen, das die Vereinten Nationen einberufen haben, zeichneten die Vertreter des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen, kurz WFP, ein sehr düsteres Bild: Dem WFP stehen zwar ausreichend Nahrungsmittel zur Verfügung -  unter anderem 9.000 Tonnen Weizen und 26 Tonnen Fertignahrung für Kinder - aber noch ist nicht klar, wie die Verteilung organisiert werden kann. Die ganze Logistik ist eine einzige Herausforderung. Es ist verrückt. Am liebsten möchte man überall gleichzeitig anfangen.

Morgen bekommen wir Verstärkung von zwei weiteren Kollegen aus Deutschland. Dann können wir hier mit unserer Hilfe beginnen. 20.000 Familien bekommen Nahrungsmittel, und 10.000 Haushaltssets mit Küchenutensilien, Decken, Moskitonetzen und Wasserkanistern werden wir verteilen. Das scheint zunächst wie ein Tropfen auf den heißen Stein, aber bekanntlich höhlt dieser ja auch den Stein. Und was für uns wirklich zählt: Wir kommen voran!

Mein Job wird auch noch sein, ein Büro und eine Lagerhalle in Multan anzumieten.  Dann sind wir einfach besser erreichbar, können uns strukturierter organisieren und schneller agieren. Und wir können unsere Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen und unseren Partnerorganisationen intensivieren. Das macht das Arbeiten erheblich leichter. Außerdem werden wir hier wohl noch eine ganze Weile gebraucht.

Es ist gut zu wissen, dass wir jetzt loslegen und unsere Hilfe auf diese Region ausdehnen können – Dank Ihrer aller Unterstützung!

Es grüßt Sie herzlich aus Multan

Jürgen Mika

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28. August 2010

Erfolgreiche Verteilung in Nowshera

Die Welthungerhilfe war die erste Organisation, die hier in der Nähe von Nowshera Verteilungen vorgenommen hat. © GrossmannHeute ist es ein bisschen ruhiger und ich sitze im Büro, um zu arbeiten. Diese Gelegenheit nutze ich gleich, um Ihnen kurz zu schreiben. Die Verteilung in der Nähe von Nowshera war ein großer Erfolg. Unsere lokalen Mitarbeiter hatten sechs Verteilungspunkte eingerichtet. Schon früh am Morgen waren dort die Lastwagen mit den Hygiene- und Haushaltsgegenständen wie Seife, Kochtöpfen und Decken angekommen.

Wir hatten zunächst Probleme überhaupt in das Dorf zu gelangen, weil die Hauptstraße wegen einer Demonstration gesperrt war. Es war keine politische oder aggressive Demonstration. Die Menschen wollten einfach nur, auf ihr Leid aufmerksam machen. Alles lief ganz friedlich ab, nur die Straße war eben kurzfristig nicht befahrbar. Irgendwann kamen wir glücklicherweise doch durch.

Ich denke für unseren Besuch aus Deutschland, die Welthungerhilfe-Präsidentin Bärbel Dieckmann und die Hamburger Verlegerin Gudrun Bauer war es eine tolle Gelegenheit zu sehen, wie eine Verteilung verläuft. Vor allem konnten sie mit den Betroffenen sprechen und sich ein Bild von der Lage machen.

Am meisten hat mich das Schicksal der 36-jährigen Azra Bibi berührt. Sie war nahezu die einzige Frau bei der Verteilung. Sie hat uns erzählt, dass ihre Eltern schon vor langer Zeit gestorben sind und sie mit ihren vier Schwestern zusammen lebt. Niemand, so berichtete sie uns, hat sich um ihre Verheiratung kümmern können und so leben die vier Frauen völlig auf sich alleine gestellt – ein hartes Schicksal.

Die 36-jährige Azra Bibi und ihre vier Schwestern sind ganz auf sich alleine gestellt. © GrossmannAuch Azra Bibi und ihre Schwestern haben bei der Flut alles verloren. Wie die anderen Menschen bei der Verteilung, war sie sehr glücklich über die Dinge, die wir ausgegeben haben. Es war rührend wie sich die Menschen immer und immer wieder bei uns bedankt haben. Uns war vorher nicht klar, dass wir die erste Organisation sind, die hier etwas verteilt.  Am Abend haben wir uns dann von unserem Besuch verabschiedet: Frau Dieckmann und Frau Bauer sind spät in der Nacht zurück nach Deutschland gereist, wo sie von ihren Eindrücken hier aus dem Katastrophengebiet berichten.

Für uns geht es jetzt weiter: Zuerst kommen noch einige Koordinierungsmeetings in Islamabad und dann planen wir unser weiteres Engagement im Süden. Mein Kollege Rüdiger Ehrler ist gerade von seiner Erkundungsmission aus Multan in der Region Punjab zurück. Die Lage dort ist noch immer angespannt und viele Menschen warten dringend auf Hilfe. Aber wenigstens fließt das Wasser endlich ab. Hoffen wir, dass es nicht mehr regnet.

Ich werde Anfang der Woche dorthin reisen und berichten.

Herzliche Grüße aus Islamabad

Jürgen Mika [mehr]

26. August 2010

Zu Besuch beim Nothilfe-Team im überfluteten Pakistan

Jürgen Mika und Bärbel Dieckmann bei Flutopfern. © GrossmannSchon mein erster Eindruck von Pakistan aus dem Flugzeugfenster ist erschreckend. Wenn die Regenwolkendecke aufreißt, sehe ich das flächendeckende Ausmaß der Zerstörungen. Die übergetretenen Flüsse haben alles weggerissen und kilometerbreite, rötlich-braune Schlammspuren in die Landkarte gezeichnet. In Islamabad können wir dann auch nicht landen,  der heftige Monsunregen verbietet jeden Flugverkehr. Wir drehen ab nach Lahore, wo wir drei Stunden im Flugzeug am Boden warten müssen, bis sich die Lage gebessert hat und es endlich wieder zurückgeht nach Islamabad.

Bärbel Dieckmann im Gespräch mit Jens Sommerfeld von CESVI. © GrossmannIch werde von Jürgen Mika vom Nothilfe-Team der Welthungerhilfe abgeholt. Er wirkt ziemlich übermüdet, kein Wunder, ist er doch seit drei Wochen im Dauereinsatz. Er kommt aus Mianwali in der Region Punjab, wo er erkundet hat, was die Menschen benötigen. Als erstes begleiten wir ihn zu einer der regelmäßig stattfindenden Lagebesprechungen. An den Wänden des Büros hängen Karten mit den aktuellen Schadensmeldungen. Ausländische und einheimische Mitarbeiter  organisieren die Hilfe für das ganze Land. Die Einsätze werden minutiös geplant und aufeinander abgestimmt, damit keine Ressourcen verschwendet werden  und die Hilfe da ankommt, wo sie am dringendsten gebraucht wird.  Es herrscht ein klar geordnetes System.

Viele Familien haben sich vor den Wassermassen auf die höher gelegene Autobahn geflüchtet. © GrossmannMit Mitarbeitern von CESVI, unserer italienischen Partnerorganisation fahren wir anschließend mit einem Minibus 150 Kilometer nach Nordosten. Wir wollen in die heftig heimgesuchte Umgebung von Nowshera. Der Fluss Kabul hat dort viele Dörfer weggespült. Auf dem Mittelstreifen der höher gelegenen Autobahn haben tausende Obdachlose ihre Zelte aufgeschlagen. Seit zwei Wochen wohnen und schlafen sie hier, direkt neben den vorbeirasenden Autos und Lastwagen. Hilfsorganisationen versorgen sie mit Wasser und Nahrung. In den Gesichtern der Leute sehe ich, dass sie sich über die Hilfe freuen, die sie nicht als selbstverständlich hinnehmen. Sie wissen, dass sie aus eigener Kraft keine Chance hätten.

Bärbel Dieckmann im Gespräch mit Flutopfern in Chawhi Dorab . © GrossmannDie zerstörten Flächen sind riesig. Selbst wir im Westen hätten größte Probleme damit. Ich muss an die Flut im Oderbruch oder an die Überflutung von New Orleans denken. Auch da lief nicht alles reibungslos. Ungleich schwieriger ist es hier in einem Land, das in einer prekären politischen Situation ist. Ab der Distrikthauptstadt Nowshera erhalten wir Polizeischutz. Ob der wirklich notwendig ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich nehme es als gutes Zeichen, dass die Polizei uns als Hilfsorganisation unterstützt.

Bärbel Dieckmann im Gespräch mit Flutopfern in Chawhi Dorab . © Grossmann Auf kleinen Straßen geht es weiter in das Dorf Chawhi Dorab. Rechts und links reihen sich zerstörte Gehöfte. Die Flut hat die Lehmziegelmauern einstürzen lassen. Die Bauern kampieren in Zelten und unter Planen in den Ruinen.  Die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal, die Fliegen sind eine Plage. Hier muss alles getan werden, um den Ausbruch von Seuchen zu vermeiden.  Morgen werden wir daher in diesem Distrikt sogenannte Hygiene- und Haushaltssets verteilen mit Körper- und Kernseife, Decken, Kerzen und Streichhölzern Handtüchern und Damenbinden. Zwei Eimer, Wasseraufbereitungstabletten und ein feines Stofftuch, mit dem das trübe Wasser von Schwebstoffen befreit werden kann, gehören ebenfalls zum Paket. Dazu Elektrolyte um die Mangelerscheinungen auszugleichen,  die durch Durchfall hervorgerufen werden.


Mann beim Ausladen der schweren Hilfspakete. © GrossmannIn Chawhi Dorab treffen wir einen Mitarbeiter unserer Partnerorganisation People In Need. Er überwacht das Ausladen von zwei LKW-Ladungen Schutzplanen. Die Männer aus dem Dorf schleppen die schweren Pakete in ein notdürftig hergerichtetes Lagerhaus.  Von hier aus sollen sie an die Bewohner aus der Umgebung verteilt werden. Durch die Nacht fahren wir drei Stunden zurück nach Islamabad. Morgen früh um sieben Uhr wollen wir wieder aufbrechen, zur Verteilung der Hygiene- und Haushaltssets in dem kleinen Dorf Mohlallah Khattak. Doch davon werde ich Ihnen dann berichten.

Herzliche Grüße
Bärbel Dieckmann [mehr]

26. August 2010

Besuch aus Deutschland schenkt uns Motivation

Bärbel Dieckmann und Gudrun Bauer bei einer Lagebesprechung bei uns in Pakistan. © GrossmannJetzt bin auch ich zum Flutopfer geworden: Nach stundenlangem Regen stand am Sonntag plötzlich mein Zimmer im Guesthouse unter Wasser. Die starken Niederschläge in den vergangenen Tagen und Wochen hatten das Mauerwerk so aufgeweicht, dass das Wasser durch die Wände gesickert und direkt in mein Zimmer gelaufen ist. Das ist zwar alles andere als angenehm – all meine Sachen sind durchweicht und ein paar Dinge sind gar nicht mehr zu gebrauchen. Aber im Gegensatz zu den Menschen hier weiß ich, dass ich mit den Folgen der Flut nur eine kurze Zeit leben muss und dann wieder nach Hause zurückkehren kann.

Jürgen Mika am Arbeitsplatz. © GrossmannUnsere Arbeit im Katastrophengebiet geht im Rahmen der Möglichkeiten gut und schnell voran. Nach meiner Rückkehr von der Erkundungsfahrt nach Punjab im Süden Pakistans haben wir 5.000 Kisten mit Hygieneartikeln gepackt. Nun ist alles für die nächste Verteilung vorbereitet. Heute werden wir in den Distrikt Nowshera fahren. Dort haben wir schon vor etwa einer Woche die Menschen mit Mehl, Wasser und Bohnen versorgt. Das Wasser hat sich zwar inzwischen weitgehend zurückgezogen, doch die Menschen leiden schwer unter den Folgen der Flut. Vielen fehlt noch immer das Nötigste. Deshalb werden wir an etwa 1.000 Menschen Hygiene- und Haushaltsartikel verteilen: Seife, Filter, Wasseraufbereitungstabletten, Eimer und Decken. Verteilungen sind für mich auch nach vielen Einsätzen in Katastrophengebieten immer wieder ein bewegender Moment. Es ist toll die Freude der Menschen zu sehen, wenn sie in den Händen halten, was sie so dringend brauchen.

Bärbel Dieckmann und Gudrun Bauer begleiten uns zu den Flutopfern. © GrossmannHeute wird es eine ganz besondere Verteilung, denn wir sind in besonderer Begleitung: Seit gestern sind Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe und Gudrun Bauer, Verlegerin aus Hamburg und langjährige Unterstützerin der Welthungerhilfe, bei uns in Pakistan. Sie wollen sich ein Bild von der Zerstörung und von unserer Arbeit vor Ort zu machen und davon zu Hause berichten. Bärbel Dieckmann hat mir gesagt, dass sie am Donnerstag zu Gast im ZDF-Studio ist und erzählen wird, wie die Menschen unter den Auswirkungen der Flut leiden und wie wir ihnen helfen. Der Besuch der beiden Frauen ist für mich und das Team hier eine unglaubliche Motivation. Und die werden wir brauchen um die anstrengende Arbeit weiterhin durchhalten und das Leid der Menschen ertragen zu können.

Immer wieder werden neue Gebiete plötzlich überflutet. Es regnet noch immer, zum Teil sehr heftig. Die Arbeit scheint nicht aufzuhören und ich bin sehr froh, dass wir hier nicht alleine sind um den Menschen zu helfen: Eine so gute Zusammenarbeit wie mit unseren Alliance2015-Partnern von Concern, Cesvi und People In Need habe ich noch nicht erlebt. Das ist ein großer Glücksfall für uns alle.

Bevor wir jetzt nach Nowshera fahren, möchte ich Ihnen ganz herzlich für Ihre Unterstützung und Ihre Kommentare zu meinen Blogbeiträgen danken. Auch für Ihre kritischen Fragen, denn wenn ich weiß, was sie bewegt, kann ich auf Ihre Bedenken reagieren. Und Ihnen hoffentlich ein anderes Bild von den Menschen hier vermitteln. Denn ohne Ihre Unterstützung können wir den Flutopfern in Pakistan nicht helfen.

Es grüßt Sie herzlich aus Pakistan

Jürgen Mika. [mehr]

20. August 2010

Die Freundlichkeit der Menschen in Pakistan beeindruckt mich

Liebe Leserinnen und Leser,

Ein Mann trägt seine geschwächte Frau zu einer Lebensmittelverteilung. © Bottelliseit meinem letzten Blogeintrag sind vier Tage vergangen. Die Zeit rast, wenn man im Nothilfeeinsatz ist, manchmal weiß ich nicht einmal mehr welcher Wochentag gerade ist.  In der Zwischenzeit bin ich in der Stadt Mianwali in der Region Punjab angekommen. Wir sind hier, um herauszufinden wie groß die Schäden sind und was die Menschen am dringendsten benötigen. Denn die Flut hat auf ihrem zerstörerischen Weg von Norden nach Süden auch die ehemalige Kornkammer Punjab verwüstet.

Was mich bei meinem Einsatz hier in Pakistan am meisten beeindruckt, sind die Menschen. In der Öffentlichkeit wird häufig das Klischee der bärtigen Männer verbreitet, die radikal und intolerant sind. Doch die Wirklichkeit, die ich hier hautnah erlebe, ist eine ganz andere.

Eine Familie kämpft sich durch die Fluten. © BottelliIch treffe hier nur auf äußerst freundliche und tolerante Menschen, die uns trotz der verheerenden Katastrophe wie Gäste empfangen. Sie respektieren uns und unsere Kultur. Deshalb bekommen wir sogar immer wieder etwas zu trinken angeboten. Und das obwohl Ramadan ist und die Einwohner selbst erst nach Sonnenuntergang essen und trinken dürfen. Ich bin auch Vater einer Tochter und fühle mich mit den Menschen hier verbunden. Wie jeder Vater dieser Welt, versuchen die Männer alles, um ihre Familien zu unterstützen. Das eint uns über alle kulturellen oder religiösen Unterschiede hinweg.

6000 Menschen mussten um Mianwali vor den Wassermassen in Sicherheit gebracht werden. Zuerst wurden alle in elf Schulen untergebracht. Doch wer konnte, hat die Sammelunterkunft verlassen und ist zu Verwandten oder  Freunden gezogen. Zum Teil sind die Flüchtlinge aber auch bei völlig Fremden untergekommen, die ihnen in der Not Unterschlupf gewährt haben.

Sobald der Pegel etwas sinkt, wagen sich die Menschen wieder in ihre noch überfluteten Dörfer zurück. © BottelliZwar befindet sich die Flut bereits auf dem Rückzug, aber in Teilen der Region steht das Wasser trotzdem noch 70 bis 80 Zentimeter. Dort wo das Wasser schon abgelaufen ist, wird die Verwüstung sichtbar. Schlamm, Geröll und zerstörte Häuser bestimmen das Bild. Trotzdem kehren die Menschen zurück in ihre Dörfer, sie wollen ihre Häuser wieder aufbauen und ihre Felder bestellen. Wann das sein wird, weiß jedoch keiner.

Deshalb werden hier vor allem Planen und Zelte benötigt. So können die Menschen sich wenigstens eine notdürftige Unterkunft schaffen. Um Krankheiten vorzubeugen, wollen wir zusätzlich Hygieneartikel verteilen.

So, jetzt machen  wir uns auf den Weg in ein kleines Dorf, 50 Kilometer von hier entfernt. Dort sollen die Zerstörungen noch größer sein als in Mianwali. Ich werde Ihnen beim nächten Mal berichten. Wenn Sie unsere Arbeit untertsützen wollen, spenden Sie über unser Spendenformular.

Viele Grüße,
Ihr Jügen Mika

P.S.: Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen, lesen Sie das Porträt über mich. [mehr]

16. August 2010

Pakistan: Mehl, Wasser und Bohnen für dankbare Flutopfer in Nowshera

Liebe Leserinnen und Leser,
Welthungerhilfe und CESVI unterstützen Flutopfer in Newshara, Pakistan mit Nahrung. gerade bin ich nach einem anstrengenden aber auch erfolgreichen Tag ins Büro zurückgekehrt. Am frühen Nachmittag haben wir endlich das „go ahead“ der pakistanischen Sicherheitskräfte erhalten. Endlich konnten wir uns auf den Weg nach Nowshera machen. Dort haben meine Alliance2015-Kollegen von CESVI und ich dringend benötigtes Mehl, Trinkwasser, Bohnen, Linsen, Speiseöl und Salz an Flutopfer verteilt. Die Fahrt über verschlammte Straßen und geflutete Brücken war jedoch abenteuerlich: Erst ist der LKW mit den Hilfsgütern im Schlamm stecken geblieben und wir mussten ihn vollständig entladen. Dann ist bei einem unserer Fahrzeuge auch noch der Kühler übergekocht. Das war ärgerlich, denn wieder mussten wir anhalten und warten, bis der Wagen abgekühlt war. So kamen wir erst viel später an als geplant. Aber abgesehen davon sind wir alle sehr zufrieden mit der Verteilung.


In Nowshera hat sich das Wasser zwar zurückgezogen, aber die Spuren der Flut sieht man noch immer überall ganz deutlich. Die Straßen sind schlammig und die Fußböden in den Häusern sind mit braunem Matsch und Unrat bedeckt. In der Innenstadt hat die Flut einige alte Gebäude einfach weggespült oder stark beschädigt. Auf den Böden der noch stehenden Wohnhäuser türmen sich Hausrat und zerbrochene Möbel. Viele Menschen sind obdachlos und es fehlt ihnen das Nötigste zum Überleben. Obwohl die meisten Stadtbewohner  bei Beginn der Flut genug Zeit hatten sich in Sicherheit zu bringen, sind 78 Menschen ums Leben gekommen. Die Überlebenden müssen nun mit den Folgen der Flut kämpfen, dem Mangel  an Lebensmitteln und vor allem an sauberem Trinkwasser. Das stehende Wasser bedeutet eine große Seuchengefahr für die Bewohner der Stadt, das habe ich heute auch schon dem Tagesspiegel im Interview gesagt.

Häuser sind zerstört, die Böden schlammbedeckt. Überall liegen Hausrat und zerborstene Möbel herum.Die Hilfe von pakistanischen und internationalen Organisationen kommt nur langsam an. Zu viele Zugangsstraßen und Brücken sind zerstört. Überall wo ich hinkomme, spüre ich die Frustration der Bevölkerung. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Menschen in Europa und anderen reichen Ländern spenden, damit die Betroffenen hier in Pakistan nicht das Gefühl haben alleine gelassen zu werden. Das hat sich auch in Nowshera gezeigt: Die Dankbarkeit der Menschen war groß, als unsere 15-köpfige Truppe mit den Hilfsgütern in Nowshera ankam. Die Männer, die die Säcke mit Hilfsgütern entladen haben, lachten und freuten sich, dass endlich Hilfe kommt.  Wir konnten heute immerhin rund 700 Personen mit den nötigsten Nahrungsmitteln versorgen. Die Verteilung wurde von einem pakistanischen Polizisten geschützt. Er hat für Ruhe und Ordnung gesorgt, damit die Hilfe auch wirklich bei den Bedürftigen ankommt. Und so ist tatsächlich alles reibungslos abgelaufen.

Morgen fahre ich mit Giacomo Agosti, dem Nothilfe-Koordinator von Cesvi und zwei pakistanischen Mitarbeitern in den Norden des Landes nach Shangla, um den Hilfsbedarf der Menschen dort besser einschätzen und die nächsten Maßnahmen planen zu können.

Herzliche Grüße
Ihr
Jürgen Mika

P.S.: Bitte unterstützen Sie unsere Nothilfe mit einer Spende, die Betroffen sind auf unsere Hilfe angewiesen. [mehr]

15. August 2010

Im Nothilfe-Einsatz in Pakistan: Ankunft in Islamabad und Vorbereitung der Hilfslieferungen

Liebe Leserinnen und Leser,

Welthungerhilfe-Mitarbeiter Jürgen Mika in Pakistan. Das  individuelle Leid der Menschen berührt auch erfahrene Nothelfer jedes  Mal.vor drei Tagen bin  ich am frühen Morgen in Pakistans Hauptstadt Islamabad angekommen. Als Mitarbeiter des Nothilfe-Teams der Welthungerhilfe werde ich hier in den kommenden Wochen die Nothilfe für die Flutopfer unterstützen. Seit meiner Ankunft bin ich ununterbrochen beschäftigt. Mein Arbeitstag beginnt um sieben Uhr morgens und endet erst gegen Mitternacht. Obwohl ich völlig erschlagen ins Bett falle, kann ich nur schwer einschlafen. In  Gedanken verarbeite ich den vergangen Tag, die Eindrücke und Erlebnisse. Seit vielen Jahren fahre ich für die Welthungerhilfe in Katastrophengebiete. Mit der Zeit gewöhnt man sich an den Anblick von Leid, man schafft sich einen inneren Schutz gegen das Elend, damit man nicht verzweifelt. Doch das Schicksal einzelner Menschen und die Verzweiflung der Betroffenen berühren einen doch immer wieder von Neuem.

Aber für Gefühle bleibt wenig Zeit, denn es gibt viel zu tun. Wir organisieren die Verteilungen der Hilfsgüter, in erster Linie Nahrungsmittel, und müssen dabei zahlreiche logistische Probleme lösen. Planungsgespräche und das Beschaffen von aktuellen Informationen nehmen viel Zeit in Anspruch. Und auch die Medien, die mittlerweile zahlreich vor Ort sind, wollen über den Erfolg der Nothilfe informiert werden. So muss ich nachts mit drei oder vier Stunden Schlaf auskommen. Die Welthungerhilfe hat zwar in Pakistan kein eigenes Büro und Personal mehr, aber durch die enge Zusammenarbeit mit unseren europäischen und pakistanischen Partnern wie CESVI und Concern können wir den Flutopfern trotzdem helfen. Unsere langjährige Kooperation zahlt sich aus: Wir können aktiv werden und dabei Kosten und unnötigen Aufwand vermeiden.

Nach der Flut in Pakistan: Ein Mann steht in seinem zerstörten Haus.Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung nimmt zu, seit Tagen gibt es in weiten Teilen des Flutgebietes keinen Strom. Über 722.000 Häuser sind zerstört worden und manche Dörfer stehen immer noch unter Wasser. Die Zahlen der Toten, Verletzten und Erkrankten steigen täglich. Nur schleppend erreicht die Bedürftigen Hilfe , da es weiterhin regnet und Brücken und Straßen beschädigt oder komplett zerstört sind. In unserem Einsatzgebiet im Norden kommen auch noch Erdrutsche hinzu die zum Teil kilometerweit die Straßen zu entlegenen Regionen blockieren.

Da es an Helikoptern mangelt und wir sonst keine Möglichkeit haben, Hilfsgüter in die stark betroffenen Regionen Shangla und Batagram zu transportieren, müssen wir erste einmal  Räumgeräte organisieren. So können wir zumindest einen befahrbaren Korridor für Hilfslieferungen schaffen. Wegen dem anhaltenden Regen ist allerdings mit weiteren Erdrutschen zu rechnen. Das heißt,  dass es ein einmaliger Räumeinsatz nicht ausreichen wird um die Bevölkerung im abgeschnittenen Norden zu erreichen.

Für heute haben wir eine Nahrungsmittelverteilung in Nowshera etwa zweieinhalb westlich von Islamabad geplant. Leider warten wir noch auf das „go ahead“ der Polizei, die uns zu unserer Sicherheit und aus organisatorischen Gründen Sicherheitskräfte bereitstellt. Das ist wichtig, denn bei  größeren Ansammlungen von Menschen kann es eben leicht zu Massenpanik oder einem Ansturm auf die Hilfsgüter kommen. Und was dann passieren kann haben wir Deutschen ja jüngst bei der Love Parade erfahren können.

Gerade kam die Nachricht, dass es jetzt  losgehen kann. Ich melde mich bald und berichte Ihnen, wie die Nahrungsmittelverteilungen verlaufen sind.

Viele Grüße
Ihr Jürgen Mika

P.S.: Wenn Sie unsere Nothilfe in Pakistan unterstützen möchten, freuen wir uns sehr. Die Menschen werden es Ihnen danken. Klicken Sie einfach auf das Spendenformular. [mehr]

22. Juli 2010

Jenseits der Afghanistan-Konferenz: Hoffnungsschimmer und Ernüchterung

Liebe Leserinnen und Leser,

Wolfgang Jamann zu Besuch in Afghanistannach einigen vergeblichen Anläufen war ich endlich wieder einmal in Afghanistan, um mir persönlich ein Bild von den Fortschritten unserer Projektarbeit vor Ort zu machen. Meine Reise fiel  ausgerechnet in den heißesten Monat des Jahres - nur wenige Tage vor Guido Westerwelles Besuch der Kabul-Konferenz, bei der die Außenminister der NATO-Staaten über die Zukunft des Landes berieten.

Die Konferenz sollte viel Symbolkraft haben, aber sie brachte wenige Ergebnisse. Zwar fand erstmals ein internationales Treffen auf afghanischem Boden statt, man musste jedoch die Stadt sperren. Die afghanische Zivilgesellschaft wurde nicht einbezogen und für wirkliche Sicherheit konnte die Regierung auch nicht sorgen.  Am Tag nach meiner Abreise sprengte sich erneut ein Selbstmordattentäter in die Luft. Auch die Raketenangriffe der Taliban auf den Konferenzort sprachen nicht dafür, dass das so sehr gewünschte Friedensabkommen in greifbarer Nähe ist.

Welthungerhilfe-Generalsekretär Wolfgang Jamann besichtigt ein Bohrgerät in Shibergan, Afghanistan

Wie anders war die Lage in Shibergan, der Provinzhauptstadt von Jawzjan im Nordwesten des Landes. Hier unterstützt die Welthungerhilfe die Bevölkerung bei der Entwicklung kommunaler Entscheidungsstrukturen, baut mit ihnen eine funktionierende Wasserversorgung auf und berät sie in landwirtschaftlichen Produktionsmethoden.

In allen Dörfern haben die Menschen mit Hilfe der Welthungerhilfe festgelegt, welche Maßnahmen als erstes umgesetzt werden sollen. Je nach Priorität werden Brunnen gebohrt, Schulen instandgesetzt oder Latrinen ausgehoben. Ein spektakulärer Anblick war das Bohrgerät - eines von vieren, die die Welthungerhilfe für Tiefbohrungen einsetzt. Trotz drückender Hitze war zu spüren – man wollte keine Zeit verlieren. Denn Wasser ist kostbar, ermöglicht gesundes Leben und satte Ernten. Und jenseits der Kämpfe in Kunduz, Helmand und Kandahar scheint es in Shibergan Schritt für Schritt voran zu gehen. Hier spürt man, was möglich ist, wenn Afghanen selbst ihre Zukunft in die Hände nehmen.

Wolfgang Jamann begutachtet einen von der Welthungerhilfe neu gebauten BrunnenDoch auch in Shibergan machen wir uns Gedanken über die Sicherheit unserer Mitarbeiter und Partner.  Unsere Erfahrung hat gezeigt: Der beste Schutz ist immer noch die Akzeptanz der Bevölkerung. Die Menschen warnen uns, wenn es gefährlich wird. Leider kann man sich darauf nicht mehr absolut verlassen. So bewegen wir uns mit zivilen Fahrzeugen, ohne Logo-Aufkleber der Organisation und mit möglichst wenig Aufhebens durch die Dörfer. Es macht Mut zu hören, dass die Zahl der Überfälle auf Hilfsorganisationen im letzten halben Jahr um ein Drittel gesunken ist und dass entführte Entwicklungshelfer  gesund und unverletzt wieder freigelassen wurden. Offensichtlich sind unsere Unparteilichkeit und unsere humanitäre Mission zumindest ein kleiner Schutz!

Wolfgang Jamann im Gespräch mit Flüchtlingen in Kabul.

Nach den ermutigen Eindrücken in Shibergan war unser Besuch eines Flüchtlingslagers in Kabul regelrecht schockierend. Hier leben 900 Familien unter unwürdigen Bedingungen. Es gibt nur eine Wasserpumpe, keine Kanalisation, keine Gesundheitsversorgung und nur sporadisch Schulunterricht für die Kinder. Es ist schwer vorstellbar, wie sich die Flüchtlinge aus Helmand ihr tägliches Essen organisieren. Im Moment ist das Wetter gut, doch wie ergeht es den Bewohnern, wenn es regnet oder schneit und sich Dutzende von Familienmitgliedern in kleinen löchrigen Lehmhütten drängen? Eine solche Situation ist auch im zweitärmsten Land der Welt nicht zu akzeptieren.

Die Welthungerhilfe wird hier schnell helfen und Wasserpumpen reparieren, Dächer bereitstellen, Nahrungsmittel herbeischaffen und Hygienetrainings anbieten. Zugleich müssen wir dafür sorgen, dass die Flüchtlinge auch von der Kabuler Regierung unterstützt werden. Wie wichtig wäre auch eine psychologische Unterstützung. Alte Männer berichten uns, wie sie von den Taliban gefoltert wurden, weil man ihnen unterstellte für die Regierung zu arbeiten. Dafür kann es schon reichen, dass der Bart nicht lang genug ist oder eine Frau die falsche Kleidung trägt.

Wolfgang Jamann zu Besuch bei der Welthungerhilfe-Partneroragnisation Aschiana Zumindest den Kindern wird bereits von unserer Partnerorganisation Aschiana geholfen. Sie unterhält in Kabul vier tolle Zentren, in denen Straßenkinder, behinderte und benachteiligte Kinder und Jugendliche unterstützt werden. Auch Aschiana ist ein Stück Zukunft Afghanistans, und so war es eine wichtige symbolische Geste, dass die Kinder 100 gemalte Bilder auf der Kabul-Konferenz aufhängen durften. Bilder von Hoffnung, Mut und einer besseren Zukunft. Ob Präsident Karzai, Hillary Clinton und Guido Westerwelle die Bilder gesehen haben?

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Wolfgang Jamann [mehr]

12. Juli 2010

Sechs Monate nach dem Beben in Haiti: Versprechen gibt man, um sie einzuhalten!

Zerstörtes Haus: Im Januar 2010 verwüstete ein schweres Erdbeben Haiti. © HerzauIch erinnere mich noch gut an den frühen Morgen nach dem Erdbeben in Haiti. Das Notfallhandy klingelte, die Kollegin aus Bonn gab mir Zahlen und Fakten durch. “Komm’ am besten sofort ins Büro und bring Deinen Pass gleich mit”, sagte sie noch.
Die wenigen ersten Nachrichten von der Insel genügten, um zu wissen, dass hier eine der schlimmsten Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte stattgefunden hatte. Zusammen mit meinen Kollegen aus dem Nothilfeteam verließen wir noch am selben Abend ein kaltes, verschneites Deutschland und erreichten am übernächsten Tag Haitis Hauptstadt Port-au-Prince: heiß, stickig - und völlig zerstört!

Wir blieben ein paar Wochen, um die ersten Nothilfemaßnahmen auf den Weg zu bringen: Verteilung von Trinkwasser und Nahrungsmittel und dann Planen und Kochgeschirr. Die Nothelfer der ersten Stunde haben die Insel inzwischen wieder verlassen. Ob wir wiederkommen und dann länger bleiben würden, haben uns viele Menschen gefragt. “Das werden wir!”, haben wir fest zugesagt. Die Welthungerhilfe hat von Anfang an bekräftigt, dass das Engagement nach dem Erdbeben mindestens fünf Jahre dauern wird. So wie wir das Land schon vorher in den Jahren der politischen Unruhen unterstützt haben, so werden wir es auch jetzt  nicht allein lassen. Und wir haben unser Wort gehalten!

Pressesprecherin Simone Pott im   Büro der Welthungerhilfe in Port-au-Prince, Haiti. © GrossmannIn den letzten Wochen sind neue Kollegen als Fachkräfte nach Haiti ausgereist. Ihr Job ist es nun, die langfristigen Aufbaumaßnahmen umzusetzen, die den Menschen eine neue Chance auf Einkommen und Ernährung geben. Mit “Cash for work”-Maßnahmen, also Arbeiten gegen einen Stundenlohn, erhalten Tausende ein tägliches Einkommen. Sie helfen mit, den Schutt aus den Städten abzutragen.

Doch auch der Norden und Osten des Landes brauchten Hilfe bei der Bewältigung der Folgen des Erdbebens. 500.000 Menschen waren nach der Katastrophe aus der Stadt geflüchtet. Die Nahrungsmittel reichten nicht mehr aus, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Deshalb wird in den Dörfern Saatgut verteilt. Die Bewässerungskanäle für die Landwirtschaft werden ausgebessert und andere Infrastrukturprojekte umgesetzt.

Cash for Work in Haiti: Trümmerbeseitigung und  Wiederaufbau gegen LohnLeider haben aber nicht alle ihre Versprechen bis jetzt erfüllt. Die internationale Staatengemeinschaft hatte auf der großen Geberkonferenz im März knapp zehn Milliarden Dollar bereitgestellt. Eine große Summe für ein kleines Land. Bisher ist allerdings nur ein Bruchteil der Gelder wirklich gezahlt worden. Die Menschen in Haiti sind nun doppelt gestraft. Weil ihre Regierung als unzuverlässig und korrupt gilt, zögern viele Geldgeber. Und die Regierung selbst erweist sich in der Stunde der Not als entscheidungs- und handlungsunfähig. Noch immer sind keine Plätze für Notunterkünfte am Rande von Port-au-Prince ausgewiesen worden. Wegen der unklaren Besitzverhältnisse wissen tausende Menschen nicht, wo sie ihre Übergangshütten errichten sollen. So können auch die Hilfsorganisationen nicht so schnell den Aufbau unterstützen, wie es notwendig wäre.

Es wird Jahre dauern, bis die Schäden des Erdbebens beseitigt sind. Es wird auch noch lange dauern, bis die Menschen wieder ein sicheres Dach über dem Kopf und ein kleines Einkommen haben. Aber wir haben den Menschen in der Not ein Versprechen gegeben. Und wir werden es auch weiterhin einhalten und sie mit dieser Katastrophe nicht allein lassen!

Wie sehen Sie das? Schreiben Sie uns Ihre Meinung.

Herzliche Grüße
Ihre Simone Pott [mehr]

21. Juni 2010

Dürre im Niger: Temperaturen von 50 Grad im Schatten forderten viele Leben

Die Dürre im Niger, der Grund, warum ich schon seit fast zwei Wochen als Länderreferentin der Welthungerhilfe in dem afrikanischen Land bin und die Notsituation vor Ort untersuche. Unser Büro steht in Niamey, der Hauptstadt des Nigers. Die Stadt wirkt wie ein großes Dorf. Wenig Autos im Vergleich zu den Nachbarhauptstädten Bamako (Mali) und Ouagadougou (Burkina Faso). Alles ist sehr ruhig. Tiere spazieren auf dem Asphalt, Rinder, Dromedare. Die Präsenz des Militärs ist nicht zu übersehen, besonders an wichtigen Straßenkreuzungen.

Der 86-Jährige Dorfälteste Amirou Kokorou hat im letzten Jahr 760 Rinder verloren. Seine Wut über die Dürresituation im Niger lässt er freien Lauf. Der Niger… Wo das Land genau liegt, wer weiß das in Europa schon genau? Und nur wenige wissen, dass es hier im Februar einen “friedlichen” Militärputsch gegeben hat. Und dass die Menschen hier verhungern, insbesondere die Kleinkinder, die Schwangeren und ältere Menschen. Vor zwei Monaten hat es hier im Land Temperaturen von über 50 Grad im Schatten gegeben. Viele alte Menschen sind gestorben. Und die jungen Leute haben solch eine Hitze in ihrem Leben noch nicht erlebt! Für mich sind die jetzigen 38 bis 40 Grad schon schlimm genug. Das Ende der Trockenzeit ist erreicht und eigentlich beginnt nun die Regenzeit… Immer noch ist alles sehr karg und staubig.

In den Dörfern ist die Situation sehr schlimm. Ich war in Téra, nordwestlich von Niamey auf der anderen Seite des Nigerflusses und an der Grenze zum Nachbarland Burkina Faso. Jetzt ist Saatzeit und die Leute haben kein Saatgut, da die Ernte im letzten Jahr so schlecht war und sie nichts lagern konnten. Viele Bewohner haben ihre Dörfer verlassen, um der Not zu entfliehen. Je nördlicher wir fahren, desto karger wird die Landschaft und die Anzahl der toten Tiere am Wegesrand steigt deutlich.

Im Dorf Kokorou finden wir eine Art Tierfriedhof am Dorfeingang. Der 86-Jährige Dorfälteste und Chef einer Gemeinde, die 82 Dörfer umfasst, erzählt uns, dass er letztes Jahr 760 Rinder verloren hat und dass die Situation in diesem Jahr noch schlimmer ist. Wütend ist Amirou Kokorou, so sein Name. Besonders auf die Regierung, die die Nahrungsmittel verteilt. Warum nur an eine Handvoll Leute?, schnauft er. Nur Alte, Kranke, Schwangere und extrem unterernährte Kinder unter fünf Jahren bekommen diese Hilfe. Aber alle leiden, alle haben Probleme. Er ist nicht damit einverstanden und sagt es laut. In seinem Alter, sagt Amirou, könne ihm keiner mehr etwas anhaben.

Plötzlich fragt mich der Vater von 48 Kindern, wie alt ich sei und wie viele Kinder ich habe. Nachdem ich ihm erzähle, dass ich 46 Jahre alt bin und zwei Kinder habe, hat er Mitleid mit mir. Du bist auch schon zu alt um noch weitere zu bekommen, wirft er ein und schaut mich mitfühlend an. So hatte ich meine Situation noch gar nicht betrachtet….

Bis bald wieder aus dem Niger,

Caroline Peyre-Koch [mehr]

Kategorie Niger
 

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